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Anregungen für Mütter in Regenbogenfamilien zum Umgang mit “Vatertag” an Grundschulen.

“Wenn ein Kind in die Schule kommt, hat es zwei Mütter. Wenn es die Schule verlässt, hat es eine Familie ohne Vater.“ - Ilaria Trivellato auf der 3. Europäischen Regenbogenfamilenkonferenz.


Am 14.Mai ist Vatertag. So lernen es zumindest die meisten Kinder in den Schulen. Wie verhalte ich mich denn als lesbische Mutter an so einem Tag, wenn es in unserer Familie nun mal keinen Vater gibt?*

Nehmen wir folgendes Szenario. Tallie ist 8 Jahre alt und sagt zu Hause, sie solle ein Bild vom Vater mit in die Schule zu bringen, um etwas Schönes zum Vatertag zu basteln.

Tallies Mutter weiß erstmal gar nicht, wie sie darauf reagieren soll. Von “Du weißt doch selbst, dass du keinen Vater hast!” hin zu “Was ist denn das für eine blöde Lehrerin, dass sie dir diese Aufgabe gibt” kreisen alle möglichen Gedanken im Kopf.

 
1. Nachfragen
Bevor Sie viele Annahmen machen, können Sie Ihrem Kind die simple Frage stellen: “Was möchtest du machen?”
Ihr Kind kann unterschiedliche Wünsche haben. Vielleicht ist er_sie verunsichert, weil er_sie nicht weiß was tun? Vielleicht möchte Ihr Kind gerne teilhaben am Basteln. Vielleicht findet Ihr Kind es total doof, dass es überhaupt nach einem Vater gefragt wird, oder vielleicht wünscht sich Ihr Kind explizit etwas für einen imaginären Vater zu basteln. Nachfragen, ohne gleich vorzugeben oder zu beurteilen, kann Ihnen helfen ins Gespräch zu kommen und angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren. 

2. Stärkung des Kindes
Unterstützen Sie das Kind in ihren_seinen Bedürfnissen.

  • Ihr Kind findet die Aufgabe blöd? Finden Sie gemeinsam eine passende Lösung. Bestärken Sie Ihr Kind darin, dass das Problem in der Aufgabenstellung liegt und nicht in der Familiensituation. Sie können z.B. benennen, dass viele Kinder, auch aus Hetero-familien keinen Vater haben, den sie kennen oder zu dem sie derartigen Kontakt haben, dass sie ihm etwas Gebasteltes schenken könnten.
    Sprechen Sie darüber, dass solche Tage wie Vater- oder Muttertag einfach ein Anlass sein können, jemanden, den mensch mag, zu feiern und danke zu sagen. Vielleicht möchte das Kind jemandem Bestimmtes an diesem Tag eine Freude machen, z.B. einer anderen Bezugsperson, erwachsenen Freund_in, Babysitter_in etc. und für diese Person etwas basteln.
  • Ihr Kind möchte gerne etwas für “ihren_seinen Vater” basteln. Vielleicht ist Ihr Kind in einer Phase, in der es sich einen Vater wünscht. Vielleicht beneidet es ein anderes Kind um seinen Kontakt zum Vater / um Erlebnisse oder Geschenke. Sie müssen in dieser Situation Ihr Kind nicht beurteilen und auch selbst nicht defensiv werden oder sich gar Vorwürfe machen. Sprechen Sie mit dem Kind über seine_ihre Bedürfnisse und Motivation. Und finden Sie gemeinsam einen Umgang damit. Geht es vielleicht gar nicht um “den Vater” an sich, sondern eine Person, die tolle Sachen mit einem_einer unternimmt? Dann passt vielleicht der Vorschlag für eine andere wichtige Person etwas zu basteln.
    Oder Ihr Kind möchte explizit etwas für “den Vater” basteln, auch wenn sie_er es gar nicht an die Person geben kann. Sie könnten dies als Anlass nehmen, je nach Familiensituation symbolisch dem Samenspender zu danken, und das gebastelte z.B. in einer Flaschenpost aufs Wasser zu lassen. Sie könnten es als Anlass nehmen eine Mappe anzulegen, an Erinnerungen, wenn das Kind z.B. mit 18 tatsächlich Kontakt mit dem Spender aufnehmen kann und möchte.

    Finden Sie heraus, worum es Ihrem Kind geht, und gucken Sie, wie Sie dem Bedürfnis kreativ begegnen können.


3. Strukturelle Veränderung - Regenbogenfamilien in Schulen.
Gestalten Sie die Schule mit und regen Sie strukturelle Veränderungen an.

  • Suchen Sie das Gespräch mit der Lehrer_in oder dem Lehrer. Sprechen Sie die Bedürfnisse des Kindes an und die eigenen. Auch hier ist es hilfreich, bevor es um Vorwürfe oder Veränderungsvorschläge geht, erstmal nachzufragen wie die Lehrperson die Situation wahrnimmt. Dann können Sie einschätzen, ob Sie ein Gegenüber haben, welches Sie und ihr Kind prinzipiell unterstützt. Lehrer_innen müssen oftmals für die Bedürfnisse und Diskriminierungsrealität von Kindern aus Regenbogenfamilien sensibilisiert werden. Vielleicht ist Ihr Gegenüber offen dankbar für Umgangsstrategien, vielleicht braucht er_sie selbst Unterstützung im Umgang mit einer homophoben Schulleitung oder Elternschaft.

Konkrete Vorschläge für Vatertag oder Muttertagsgeschenke:
→ Wenn etwas gemeinsam gebastelt werden soll, kann es einladend gestaltet werden. D.h. für eine wichtige Bezugsperson, z.B. den Vater, den Onkel, die Nachbar_in. Diese Feiertage können als Anlass dafür genommen werden über vielfältige Familienkonstellationen zu sprechen.
→ Tauschen Sie sich mit anderen Müttern bzw. Erziehungsberechtigten der Klasse Ihres Kindes aus, die sich eventuell in einer ähnlichen Situation wie Sie befinden. Entwickeln  Sie gemeinsam konkrete Vorgehensweisen für diesen Tag und teilen Sie Ihre Vorschläge zur Gestaltung des Tages der Lehrperson mit.

  • Suchen Sie nach Verbündeten innerhalb des Lehrkörpers und Elternschaft der Schule um gegen Normen vorzugehen, die nicht der Lebensrealität der Kinder und der Gesellschaft entsprechen. Und um klare Positionen und Handlungsstrategien gegen Diskriminierung zu entwickeln. Entwickeln Sie gemeinsam Strategien z.B. gegen Homophobie, Rassismus, traditionelle Geschlechterrollen und/oder die Abwertung bestimmter Muttersprachen.
  • Schulungen der Lehrkräfte, Literaturvorschläge, Einladung von Aufklärungs- und Empowermentteams für die Schüler_innen sind einige der Mittel, die Eltern aus Regenbogenfamilien in ihren Schulen angeregt und durchgeführt haben.


*Regenbogenfamilien gibt es in vielfältigen Konstellationen. Dieser Text ist mit Blick auf Mütter geschrieben, deren Kinder durch Samenspende gezeugt wurden, und die in ihrer Familie keine Vaterrolle haben.
In der Lesbenberatung Berlin heißen wir alle Eltern, Kinder und Bezugspersonen willkommen, insbesondere auch Personen, die Mehrfachdiskriminierung erfahren, z.B. aufgrund von Rassismus oder Trans*diskriminierung.
Wir bieten Beratung zu Kinderwunsch, Empowerment für Eltern in Regenbogenfamilien, und Unterstützung bei Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen.

Hier können Sie die "Anregungen zum Vatertag für lesbische Mütter" als pdf-Dokument herunterladen.

Quelle: http://www.lesbenberatung-berlin.de